WEITERSPIELEN

Von Bernhard Dechant und Tina Leisch

Eines unserer Hauptanliegen war es, die Bilder vom angsteinflößenden, gesichtlosen Flüchtlingsstrom aufzulösen in Gesichter von Menschen, die man kennenlernen und deren Geschichten man sich nicht so einfach entziehen kann. Wir wollten in einer Zeit, in der unsere Innenministerin nur von den zu vielen Fremden sprach, die da kommen, das Fremde beleuchten und uns ein Stückerl vertrauter machen. Wir suchten Begrifflichkeiten, die den Schutzsuchenden, Schutzbefohlenen und ihren Anliegen gerecht werden. Wir ergriffen das Wort im Namen der schweigende Mehrheit der Menschen in Österreich, die sehr wohl solidarisch ist mit Menschen in Not, nicht nur vor den Lagertoren und an den Grenzen und Bahnhöfen.

Wir organisierten Ende Juli in Wien die erste öffentliche Pressekonferenz mit Flüchtlingen aus Traiskirchen, die eigentlich den Bezirk Baden nicht hätten verlassen dürfen. Sie vertrauten uns und wollten unbedingt über die Menschenrechtsverletzungen im Erstaufnahmezentrum berichten. Wir begleiteten Flüchtlinge zur Innenministerin, wo sie ihr einen Forderungskatalog überreichten. Wir wollten eine Plattform sein, die die Stimmen der Menschen auf der Flucht verstärkt, übersetzt, verbreitet, ihnen Gehör verschafft mit unseren theatralen, medialen und filmischen Mitteln.
Wir versuchten den medial geschürten Ängsten entgegenzutreten, sie zu relativieren, zu entkräften und zu widerlegen. Wir beschicken die Öffentlichkeit und all unsere FreundInnen und Kollegen immer wieder mit sehr persönlichen Berichten.

Wir haben versucht herauszufinden, warum diese Inszenierung der Humanitären Katastrophe im Lager Traiskirchen stattgefunden hat, wo monatelang 4600 Kinder, Frauen, Männer unter unerträglichen hygienischen Bedingungen zusammengepfercht wurden und teilweise im Freiem schlafen mussten. Wir glauben nicht an Überforderung oder monatelangen Unfähigkeit des Innenministeriums. Um so weniger, als auch die Angebote von Hilfsorganisationen, der desaströs desorganisierten Betreiberfirma ORS auszuhelfen, abgelehnt wurde. Wir spielten die Lagersituation nach im öffentlichen Raum in Wien, auf der Mariahilferstrasse, am Viktor-Adler-Markt.

Wir haben unsere MitspielerInnen benutzt, als wir Jelineks Sätze heraussuchten und sie sie nachsprechen ließen. Benutzt, um das Bild von denen, die da zu uns kommen, zu beeinflussen. Benutzt um den rechten Phantasmen des katastrophengeilen Teils der Medien etwas entgegenzusetzen. Die Schutzbefohlenen haben uns vertraut und sich benutzen lassen.
Manche haben mitgemacht wegen der Abwechslung, um ÖsterreicherInnen kennen zu lernen, aus Spass am Spielen. Manche haben am Stück mitgearbeitet, die politischen Botschaften mit uns diskutiert, Sätze und Szenen beigetragen. Für uns sind die Schutzsuchenden, mit denen wir zusammenarbeiten, zu KollegInnen geworden, manche zu FreundInnen, manche zu Nervensägen, wie in fast jeder Theaterproduktion.

Wir sind in diesem Ensemble weiterhin diejenigen, die mehr zu sagen, mehr zu entscheiden haben.
Wir entscheiden, wem als erstes geholfen wird, für wen wir ganz schnell eine Wohnung suchen, wer im Rampenlicht glänzt. Wer als nächstes Aufmerksamkeit und öffentlichen Fokus bekommt. Wir überlegen, wann es besser ist einen gut ausgebildeten Englisch sprechenden Syrer vor die Kamera zu bitten, der eine differenzierten politischen Analyse liefert und wann lieber den 16jährigen Afghanen, der sein Leben als Kindersklave im Iran verbracht hat und dort keine Schule besuchen durfte.

Manchmal ist uns die Arbeit an Stück und Text wichtiger als die Suche nach den verlorengegangenen Wünschen. Manchmal benehmen wir uns wie die Wirtschaft, die die gut ausgebildeten Flüchtlinge aus Syrien haben will, aber die Träume der unterwegs vergewaltigten somalischen Frauen und der analphabetischen afghanischen Jugendlichen, eines Tages ihre Familien nachzuholen, von vornherein von der Integrationstafel wischt. (Es lernen diese jungen Afghanen extrem schnell Deutsch. Sie müssen. Wer Englisch spricht, braucht das Deutsch lange nicht so dringend.)

Wir verstehen uns schneller mit den weniger religiösen Kollegen. Wir beäugen die Strenggläubigen mit Argwohn, wir EinwohnerInnen dieses Landes der omnipräsenten Kreuze. Wir brauchen lange, um zu spüren, wer so traumatisiert ist, dass er eine Therapie braucht.

Von manchen Konflikten sprechen wir nicht. Wir wissen doch selbst nicht, welche Menschen und welche Herausforderungen auf uns zu kommen.

Wir staunen über die Videos, die unsre Mitwirkenden auf ihren Facebookprofilen posten: Brutale Hass- und Mordphantasien. Wer wen umbringen will, verstehen wir nicht. Wir erschrecken: haben wir da Daesh- und Talibanleute unter uns? Die Übersetzerinnen klären uns auf: Nein. Im Gegenteil. Sie sind vor Daesh und den Taliban geflohen und hassen sie mit aller möglichen Inbrunst. Und möchten sich rächen, es ihnen heimzahlen, die Welt von allen Daesh- und Talibananhängern gründlich säubern. Das Gegenteil sieht seinem Gegenteil sehr ähnlich. Wir predigen Gewaltlosigkeit und Liebe, aber verstehen, wieso diese wirklich gut gemachten, fetzigen, eindringlich choreographierten Rachephantasien einschlagen, bei jemandem, dessen Cousin, dessen Vater ermordet wurde, unsere Liebespredigten dahingegen eher nicht so.

Wir sehen wie die Ankommenden in Traiskirchen zu Tieren degradiert werden, entmündigt, ihre Rechte werden mit Füssen getreten. Manche sind Muslime, aber haben ihre Religion nie besonders ernst genommen. Und jetzt werden sie hier dafür degradiert, dass sie Muslime sind? Sie sind vor Männern geflohen, die ihnen sagten, der Westen sei schlecht und wolle den Islam vernichten. Hier sind die ersten, die zu ihnen freundlich sind, wo sie medizinische Versorgung und anständiges Essen bekommen die Leute in der türkischen Moschee von Traiskirchen: Erdogan-Islamisten.

Wir fragen uns, wo stehen unsere Mitwirkenden, wenn der nächste Anschlag passiert in Europa, wenn es den Pegidafaschisten einerseits und den Islamofaschisten andererseits wirklich gelingen sollte, den Keil zwischen Muslime und Nichtmuslime zu treiben? Und während wir es uns fragen, überfallen uns die Bilder aus Paris, als hätten wir auf sie gewartet. Unsere syrischen Freunde gehen auf die Kniee und sagen: „Now pray for Syria!“ bevor Hollande noch die Bombardierung von Raqqa anordnet: Sie wissen, dass die französischen Bomben nicht nur Daeshhleute töten werden, und jedes tote Kind Wasser auf die Mühlen von Daesh sein wird.

Ja, der Krieg kommt näher, aber wir werden nicht mit spielen, sagen wir. Und wenn, dann verläuft die Front zwischen denen, die den Krieg brauchen, wollen, betreiben, weil in seinem Schatten die Geschäfte so gut laufen wie sonst nie und uns, die wir Frieden wollen. Uns allen. Oder nicht?

Wir suchen Verbündete, die mit uns fordern, dass die Fluchtursachen bekämpft werden. Dass Landgrabbing, Nahrungsmittelspekulationen und Waffenexporte geächtet und unterbunden werden. Dass Rohstoffkriege so genannt und beendet werden. Dass unsere lächerliche Entwicklungshilfe vervielfacht wird. Wir suchen Verbündete, die sich gerne mit den Profiteuren der Kriege anlegen würde, wenn sie nur wüßten, wie. Leute, die nicht nach unten treten und sich nicht im Namen der Religion, der Nation, der Kultur gegen andre Arme aufhetzen lassen, auch wenn es einfacher wäre, als sich mit den Reichen und Mächtigen anzulegen.

Wir erkennen Sturmgewehre von Steyr Mannlicher auf den Videos von DAESH, dem „islamischen Staat“. 150 Arbeitsplätze! Heisst es. Niemand zählt die Arbeitsplätze, die durch Umrüstung der Produktion auf friedliche Geräte geschaffen werden könnten.

Wir lassen uns als Vorzeigeprojekt gebrauchen. Wir stellen Vorzeigeflüchtlinge aus. Wir lassen uns für unsere Zivilcourage loben von Leuten, die gerade keine zeigen. Wir feiern am Heldenplatz. Wir haben Angst vor der Macht der politischen Engstirnigkeit, die nun verstärkt wieder Flüchtlinge bekämpfen wird, statt endlich Fluchtursachen. Die seit Jahren nur von Zäunen redet. Eingezäuntes Europa. Eingezäunte Flüchtlingszeltstädte in der Türkei. Eingezäunte österreichische Herzen. Muttergottesherz mit Stacheldrahtzaun.

Wie gut sind unsere Übersetzungen? Was verstehen wir sowieso ohne Worte, was unterstellt die kulturelle Übersetzung? Wir sagen den Flüchtlingen nicht, was sie zu sagen haben, wenn wir ihnen das Mikrofon überreichen. „Sagt, was ihr wollt, fordert, was ihr wollt! Aber vielleicht solltet ihr doch bedenken, dass in es in Österreich besser ankommt, wenn….“

Wann sind WIR das Ensemble und DIE das Publikum? Wann sind WIR die ÖsterreicherInnen und DIE die Refugees? Bernhard schreit sie an, die Flüchtlinge, macht sich über sie lustig, demütigt sie. Das ist seine Rolle. Auf der Bühne darf er das, es denunziert die Entwürdigung. Aber backstage? Wenn WIR das Ensemble sind, schreien wir uns eben an, wenn das Chaos zu groß wird.

Und dann bekommen wir einen Extra- Nestroypreis. Zwei von uns sollen auf die Bühne gehen und ihn entgegennehmen. Wir kämpfen darum, dass die Schutzbefohlenen auch eingeladen werden, zur Verleihung, zur Party. Dass sie selber Danke sagen dürfen. Wir schreiben die Dankesrede gemeinsam. Bernhard spricht sie vor. Sie sprechen sie nach aus dem Zuschauerraum. „Was fällt Euch ein, die Flüchtlinge als Verstärker Eurer Worte zu benutzen!“ kriegen wir zu hören. So sieht es aus. Aber es ist komplizierter.

Im Hin und Her zwischen den Sprachen, im Fluss der Übersetzungen und Rückübersetzungen verlieren die Sätze ihre Besitzer, ihre UrheberInnen. Auch Jelineks Sätze sind längst enteignet. Die Schutzbefohlenen haben sie ihr entwendet. Was ein Beweis dafür ist, dass es oft nicht darauf ankommt, wer den treffendsten Satz formuliert hat, sondern ob er trifft.

Wir haben die Vorzeigeflüchtlinge der sich selbst feiernden Theaterwelt vorgeführt. Ohne ein bisschen Flucht und Verzweiflung wäre der Abend wohl nicht so gut dagestanden. Zum Dank wurden knapp 3000 Euro gespendet. Das war unser Preis. Recht billig in Anbetracht der anwesenden Geldbörsen. Die schweigende Mehrheit hat den Nestroypreis nicht gewonnen, sie hat ihn verloren. Sie hat sich verraten, ist verkauft worden und hat sich kaufen lassen.

Wie heißt eigentlich der Extra-Nestroypreis? Preis für politische Theaterarbeit? Preis für geschickte Verwendung des Theaters in gesellschaftlichen Konfliktzonen? Nein. „Herz-und Nieren-Nestroy“.
Klingt nach Organraub in der Wüste. Klingt nach Muttergottesniere mit Stacheldraht. Hat die Conny verdient, die wochenlang vor dem Lagertor von Traiskirchen die Leute behandelt hat, bis endlich eine ärztliche Notversorgung eingerichtet wurde.

Was ist los heute? Seit 8 Uhr am Computer und fünf Stunden nur Arzttermine und Deutschkurse und Spenden für die Flüchtlinge organisiert. Und noch drei Anrufe, weil der das und die jenes will, braucht, fordert. Ist irgendwer hier, liebe Flüchtlinge, der zu schätzen weiß, was wir da tun?

Unser Punschstadl zum FluchtPunsch sorgt für ergreifende Momente im 2.Hof des Alten Akh und für ansehnliche  Weihnachtsgelder für die schutzbefohlenen Punschköche und Leckerbäckerinnen.

Und wie nahe die fernen Katastrophen gerückt sind! Nicht nur wegen der Freundin in Paris, deren Arbeitskollegin im Bataclan erschossen wurde. Weil in Afghanistan sieben Hasara enthauptet wurden, darunter zwei Frauen und ein neunjähriges Mädchen. Das sind vielleicht Nooris Leute. In der Ägais ist ein Boot untergegangen. Verwandte unsere Freunde dabei?

Wir stehen vor dem Polizeiaufgebot am Stephansplatz und hören die Nachrichten aus Diyarbakir. 2015. Was für ein Erfolgsjahr für Kriegstreiber und Kriegsprofiteure auf allen Seiten.
Auf der Wunschliste für 2016 steht: Kampagne gegen den ORS. Flüchtlingslager in die Hände von NGO’s. Lehren und Jobs finden für die Schutzbefohlenen. Liebesoffensive gegen die Kronenzeitungshetze. Erotische Unterwanderung der islamistischen Verblödung. Erdogan entmachten. Waffenhandel verbieten. Basimas Tochter aus dem Irak holen. Frieden schaffen in Syrien, Kurdistan, Afghanistan, Somalia, überhaupt die afrikanischen Flüchtlinge zweiter Klasse dürfen wir nicht vergessen. Traiskirchen, das Musical. Solidarität und Klassenzugehörigkeit begreifen und neu definieren. FluchtPunsch, neue Verbindungen schaffen, mutiger und lauter werden, unsere Kräfte besser einteilen, aber weiterspielen. Egal was passiert, weiterspielen.

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Ein Kommentar

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